Raymond und ich hatten in dreißig Jahren kaum miteinander gesprochen.
Aber seit ich wieder in der Stadt bin, ruft er mich fast jede Woche an.
Seine Stimme klang stets freundlich, doch seine Fragen machten mich unbehaglich.
„Wie ist die Wohnung?“, fragte er. „Mit einer Rentnerin muss die Miete schwierig sein.“
„Ich komme zurecht.“
„Haben Sie Ihre Unterlagen geordnet? Ihr Testament? Ihre Bankdaten? Eine alleinlebende Frau in Ihrem Alter muss sich auf solche Dinge vorbereiten.“
Ich zwang mich, höflich zu klingen.
„Mir geht es gut, Raymond.“
„Wissen Sie, ich habe Tante Margaret vor ihrem Tod ständig besucht. Ich habe ihr bei ihren Finanzen und persönlichen Angelegenheiten geholfen. Familie sollte sich um Familie kümmern.“
Irgendwie schmeckte mein Kaffee plötzlich bitter.
„Das war nett von Ihnen“, antwortete ich. „Aber ich muss mich für die Arbeit fertig machen.“
Ich beendete das Gespräch, bevor er noch etwas fragen konnte.
Im Krankenhaus roch es nach Desinfektionsmittel, Medikamenten und der stillen Angst, die scheinbar permanent in seinen Mauern wohnte.
An diesem Morgen schob ich meinen Wagen den langen Flur entlang und überprüfte die Zimmernummern und Patientenakten.
Ich war schon völlig erschöpft, und es war noch nicht einmal zehn Uhr.
Zimmer 220.
Ein neuer Patient wurde zur Langzeitpflege aufgenommen.
Ich öffnete die Tür, trat ein und warf einen Blick auf die Tabelle.
Schon der erste Name raubte mir den Atem.
Thomas.
Dann sah ich den Nachnamen darunter.
Meine Hände umklammerten die Feile fester.
Er konnte es nicht sein.
Es musste Hunderte von Männern mit diesem Namen geben.
Doch als ich meinen Blick zu dem im Bett liegenden Patienten hob, erkannte ich ihn sofort.
Sechsundfünfzig Jahre waren vergangen, aber sie hatten das Gesicht, an das ich mich erinnerte, nicht ausgelöscht.
Thomas war jetzt dünner.
Seine Haut war blass, und eine Krankheit hatte tiefe Schatten unter seinen Augen hinterlassen.
Doch es waren immer noch dieselben Augen, die mich vor all den Jahren beim Einsteigen in einen Bus beobachtet hatten.
Er sah mich an und lächelte, als hätte er mich erwartet.
„Hallo, Nancy“, sagte er leise.
Ich konnte mehrere Sekunden lang nicht sprechen.
Ich stand neben seinem Bett und hielt eine Blutdruckmanschette in der Hand, als ob mein ganzes Leben mich in dieses Krankenzimmer verfolgt hätte.
„Thomas“, flüsterte ich schließlich. „Oh mein Gott. Thomas.“
Nach diesem Tag fand ich während jeder Schicht Gründe, ihn in seinem Zimmer aufzusuchen.
Manchmal habe ich seine Medikamente kontrolliert.
Manchmal brachte ich ihm Wasser.
Manchmal setzte ich mich einfach neben ihn, nachdem ich meine Pflichten erfüllt hatte.
Thomas erzählte mir, dass er nie geheiratet habe.
Ich gestand, dass auch ich nicht verheiratet war.
