Moral Ich heiratete meinen Highschool-Liebsten mit 73 Jahren, weil es sein letzter Wunsch war – nach seiner Beerdigung klopfte sein Anwalt an meine Tür und sagte: „Sie sind direkt in seine Falle getappt.“

Teil 1

Ich glaubte, der Abschied von dem Mann, den ich den größten Teil meines Lebens geliebt hatte, wäre das Schmerzlichste, was ich je ertragen müsste.

Ich habe mich geirrt.

Der wahre Grund für Thomas’ Rückkehr zu mir wurde erst nach seinem Weggang deutlich.

Der Regen klopfte leise gegen das Fenster meiner kleinen Mietwohnung, während ich allein da saß und in einer Tasse Instantkaffee rührte, den ich mir mit meinem Budget kaum leisten konnte.

Mit dreiundsiebzig Jahren kehrte ich in die Stadt zurück, die ich mit siebzehn verlassen hatte. Die Gebäude hatten sich verändert, die Geschäfte hatten andere Namen, und viele vertraute Gesichter waren verschwunden.

Und doch irgendwie erinnerten sich die Straßen noch an mich.

Meine Rente reichte nicht aus, um die steigende Miete und die laufenden Kosten zu decken, also holte ich mein altes Krankenpflegeabzeichen aus einer Schublade, kaufte mir eine neue Uniform und kehrte zur Arbeit ins örtliche Krankenhaus zurück.

Es war derselbe Beruf, aus dem ich Jahre zuvor in den Ruhestand getreten war.

Die Heimkehr war seltsam.

Fast nichts sah so aus, wie ich es in Erinnerung hatte, aber alles vermittelte dasselbe Gefühl.

Ich war nie verheiratet gewesen.

Ich hatte nie Kinder gehabt.

Es hatte im Laufe der Jahre einige Beziehungen gegeben und mehrere nette Männer, die versucht hatten, mit mir ein gemeinsames Leben aufzubauen.

Aber keiner von ihnen war jemals Thomas gewesen.

Ich hatte seinen Namen seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr laut ausgesprochen.

Thomas war meine erste Liebe.

Wir waren beide siebzehn, als wir uns kennenlernten, jung genug, um zu glauben, dass Versprechen ewig halten könnten, einfach weil wir sie ernst meinten, als wir sie gaben.

Ich hatte mir einen Studienplatz an einem College in einer anderen Stadt gesichert.

Thomas hatte sich entschieden, in der Stadt zu bleiben und im Eisenwarengeschäft seines Vaters zu arbeiten.

Am Tag meiner Abreise stand er mit Tränen in den Augen neben mir am Busbahnhof.

„Bitte geh nicht, Nancy“, flehte er.

„Ich muss“, sagte ich zu ihm. „Ich habe zu hart dafür gearbeitet, um diese Chance aufzugeben.“

„Dann brichst du mir das Herz.“

Das waren fast die letzten Worte, die er jemals zu mir sagte.

Ich stieg in den Bus, verließ die Stadt und verbrachte die nächsten sechsundfünfzig Jahre in dem Glauben, ihn nie wiederzusehen.

Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Erinnerungen.

Ich wusste schon, wer es war, bevor ich abnahm.

„Nancy, hier ist Raymond“, sagte eine fröhliche Stimme. „Ich schaue nach meinem Lieblingscousin.“

Lieblingscousin.