TEIL 1
Meine Schwester bat mich inständig, das Baby auszutragen, das sie selbst nie bekommen konnte, und weil ich sie liebte, gab ich ihr alles, was ich hatte.
Sie hielt meine Hand bei jedem Termin. Sie weinte bei den Ultraschalluntersuchungen. Sie nannte das kleine Leben, das in mir heranwuchs, ihr Wunder.
Doch in dem Moment, als das Baby geboren war, wich meine Schwester entsetzt zurück und flüsterte:
„Das ist nicht das Kind, das wir uns gewünscht haben.“
Früher glaubte ich, jede Version von Claire zu kennen.
Sie war meine Schwester, meine beste Freundin, diejenige, mit der ich meine Kindheit, meine Geheimnisse und die Hälfte meines Herzens geteilt hatte. Unser Vater sagte immer, wir seien zwei Hälften derselben Seele.
Eines Nachmittags kamen Claire und ihr Mann Evan mit einer Bäckereischachtel zu mir nach Hause und hatten eine Bitte, die alles verändern sollte.
Claire kam herein, wie immer, ohne auf eine Einladung zu warten. Evan folgte ihr, still und angespannt, die Schachtel in beiden Händen.
„Du siehst müde aus, Marianne“, sagte Claire und stellte ihre Handtasche auf meinen Küchenstuhl.
„Ich sehe seit 1998 müde aus“, scherzte ich. „Was ist denn los?“
Evan räusperte sich.
„Wir müssen Sie etwas fragen“, sagte er. „Etwas Wichtiges.“
Claires Augen füllten sich mit Tränen, noch bevor sie sprechen konnte.
„Die Ärzte haben uns die endgültige Antwort gegeben“, flüsterte sie. „Ich kann kein Kind austragen. Nicht jetzt. Niemals.“
Ich griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand. Ihre Finger waren eiskalt.
